Freitag, 26. Mai 2017

Wie gesellschaftlich Neues entsteht


Anlässlich des Jubiläums einer Gesetzesreform


Im Internet kursiert ein einminütiges Video der Tagesschau-Redaktion aus Anlass der Reform des Paragraphen 177, mit der am 15. Mai 1997 beschlossen wurde, dass sexuelle Nötigung in der Ehe fortan als Vergewaltigung geahndet werden kann. «Vergewaltigung in der Ehe ist erst seit 20 Jahren strafbar. Bis dahin war es ein langer Weg» schreibt die Tagesschau zu dem Video, in dem man unter anderem eine junge, ernsthaft besorgte Petra Kelly sieht, die sich 1983 im Plenarsaal des Bundestags an einen FDP-Abgeordneten Detlef Kleinert am Rednerpult mit der Wortmeldung wendet: «Ich möchte Sie fragen, ob Sie dafür sind, dass die Vergewaltigung in der Ehe auch in das Strafgesetz kommt?» – «Nein!» kommt es wie aus der Pistole geschossen zurück. 

Die Plötzlichkeit und Heftigkeit, mit der die Antwort ausgestoßen wird, macht deutlich, was der Abgeordnete von der bloßen Frage hält und gewiss auch von der Fragestellerin, die ja wohl nicht erwartet, dass man einen solchen Unsinn ernstnehmen werde. Von seiner impulsiven Antwort offensichtlich selbst überrascht, muss der Abgeordnete verschämt lachen. Alles andere als verschämt dagegen die Reaktion der Abgeordneten der rechten Saalhälfte: lautes Grölen und sichtliches Schenkelklopfen. Der Wortwechsel, dem sie beigewohnt haben, war eine komische Einlage, eine Art symbolische Szene einer Ehe: Vattern hat auf den Tisch gehauen, hat ein Machtwort gesprochen, Ende der Diskussion, können wir uns jetzt bitte wieder der Politik zuwenden.

Die Kommentare auf Facebook, wo mir das Video präsentiert wird, sind sich einig: «unglaublich», «absurd», «schockierend». Was man gesehen hat, ist in der Tat empörend. Und doch wäre es ein Fehler zu glauben, dass die Gesetzesänderung, für die es dann noch weitere vierzehn Jahre brauchte, allein gegen den Widerstand von frauenfeindlichen, patriarchalisch denkenden Männern erstritten wurde, die sich aus Angst vor einem Machtverlust dagegen gesträubt haben, eine Selbstverständlichkeit zu akzeptieren, nämlich die der sexuellen Selbstbestimmung der Frau. Natürlich gab es auch damals unter den männlichen Abgeordneten viele Besonnene, für die die Gleichberechtigung von Mann und Frau außer Frage stand, die dennoch der Meinung waren, dass die sexuelle Nötigung innerhalb der Ehe anders zu behandeln sei als die außereheliche, sei es, weil sie glaubten, dass die Staatsanwaltschaft im Schlafzimmer der Bürger grundsätzlich nichts zu suchen habe, sei es, dass man sich nicht vorstellen konnte, wie eine solche Vergewaltigung beweisbar sein solle. 

Es ist wichtig zu begreifen, dass der Sachverhalt gerade nicht selbstverständlich war. Sondern selbstverständlich und evident war für die meisten Menschen, dass die sexuelle Nötigung durch einen Fremden etwas kategoriell anderes sei, als der sexuelle Zwang, der innerhalb der Ehe ausgeübt wird. Das, was die Reform von 1997 geleistet hat, war daher nicht die juristische Anerkennung von etwas Evidentem, sondern vielmehr eine Umdeutung, eine Neudeutung dessen, was wir unter «Vergewaltigung» verstehen wollen.

Nur so entsteht gesellschaftlich Neues: durch Umdeutung, Neudeutung, die ein schöpferischer Akt ist, da sie Erschaffung ist von Etwas, das vorher (so) nicht war. Wenn man lediglich auf Evidenz pochen würde, müßte zu jeder Zeit das gesellschaftlich Mögliche schon vorhanden sein. Ist es aber offensichtlich nicht. Wir finden nicht einfach vor, wir erfinden. In diesem Sinne spricht etwa Cornelius Castoriadis davon, dass alles Gesellschaftliche «imaginäre Institution» sei, ein Produkt der Einbildungskraft, die, so Castoriadis, besser «Bildungskraft» hieße.



Montag, 5. Dezember 2016

Cicero vs. Charlie Hebdo (dt.)


Anlässlich des Erscheinens der ersten deutschsprachigen Ausgabe von Charlie Hebdo schwang sich das deutsche Politmagazin Cicero zum Humorkritiker auf. Das konnte nicht gut gehen.


«Langweilig», «schal», «lieblos zusammengekehrt», «moralinsäuerlich», «erschütternd banal», «schülerzeitungshaft» – das konservative Edelmagazin lässt am linken Satireblatt kein gutes Haar: «Humorgehalt und Erkenntnisgewinn gleich null». Der Tonfall, in dem das Ganze vorgetragen wird, ist erregt, um nicht zu sagen enragiert, und lässt keinen Zweifel daran, dass hier jemand empört, ja geradezu persönlich beleidigt ist.

Im Anschluss an die Ermordung von zwölf Charlie-Mitarbeitern im Januar 2015 durch fanatisierte Underdogs hatte sich der Freie Westen mit großem Pathos solidarisch erklärt; das französische Satireblatt wurde zum Symbol der Meinungsfreiheit, zum demokratischen Bollwerk gegen Fanatismus und Terrorismus; seine Mitarbeiter waren Helden, da sie sich dem Terrorismus nicht beugten, sondern widerstanden und unverdrossen weitermachten. Charlie wurden die höchsten Weihen des Pressewesens verliehen – der Preis für Meinungsfreiheit des amerikanischen PEN, der Preis des M100 Sansscouci Colloquium in Potsdam –, die Auflagenzahl schoss in ungeahnte Höhen, so dass das kleine Blatt offensichtlich bald in Geld schwamm.

Dass hier auf mehreren Ebenen ein Missverhältnis vorlag, hätte jedem ins Auge fallen können und aufstoßen müssen, oder man hätte einfach auf Chefredakteur Gérard Biard hören können, der in seiner Dankesrede in Potsdam sagte: «Innerhalb weniger Minuten, in der Folge eines furchtbaren Anschlags, wurden wir zu einem weltweiten Symbol, zum Inbegriff der Meinungs- und Gewissensfreiheit. Wir wurden zu Helden ... Lassen Sie mich Ihnen eines sagen: Das ist nicht unsere Aufgabe. Niemand bei Charlie Hebdo hat sich darum beworben, ein Held zu sein. Es ist nicht die Rolle einer Zeitung, und schon gar nicht einer Satirezeitung, ein Symbol zu sein.»

Doch die Menschen wollten nicht hören. Charlie Hebdo stand für freie Meinungsäußerung, also für den Freien Westen, also für uns alle, es ging hier nicht um die schreckliche Ermordung von zwölf Menschen durch instrumentalisierte Loser, sondern um einen «Anschlag gegen die Freiheit» (FAZ et al.)  

Jede Überhöhung zum Symbol funktioniert nur, indem man das konkrete Objekt, das dem Symbol zum Anlass dient, möglichst nicht zu genau unter die Lupe nimmt. Der zahlungskräftige Philanthrop entpuppt sich sonst leicht als geschickter Steuerhinterzieher, der mächtige Politiker als Marionette, und der Filmstar ist im wirklichen Leben immer einen Kopf kleiner als gedacht. Im Falle Charlie Hebdo äußerte sich diese Verleugnungsstrategie nicht zuletzt darin, dass reflexhaft und ohne jede Ausnahme in allen Berichten stets vom «Satiremagazin» Charlie Hebdo die Rede war. Dabei ist Charlie eindeutig keine Zeitschrift (magazine), sondern kommt als Zeitung (journal) daher, als sehr dünne sogar: Mit seinen mal gerade sechzehn Seiten Umfang erinnert sie mehr an eine Witzbeilage, an klassische «Funny Papers», die einst der seriösen Zeitung allwöchentlich am Wochenende beigelegt wurden.

Insofern ist es wirklich unverzeihlich von Charlie, dass es jetzt auf deutsch erscheint und den Träumereien vom Hochglanzfreiheitsmagazin auf so drastische Weise ein Ende bereitet. Zumindest der Cicero fiel denn also aus allen Wolken und machte den Franzosen ernsthaft den Vorwurf, dass ihr Satireblatt «auf schlechtem Papier» gedruckt sei. Lieber Cicero, sie nennen es «Zeitungspapier». Charlie Hebdo ist auf Zeitungspapier gedruckt! Und ja, es hat nur sechzehn Seiten! Nicht mehr. Nicht 130 (Cicero), nicht 66 (Titanic), nicht 48 oder 32. Sondern 16 (sechzehn). Und das hätte man auch schon vor zwei Jahren bemerken können, als die Ausgabe vom 14. Januar mit dem weinenden Mohammed sicherlich in allen bundesdeutschen Feuilleton-Redaktionen gelegen hat. Bei der Gelegenheit hätte man auch zur Kenntnis nehmen können, daß es sich bei Charlie Hebdo nicht nur formal, sondern auch inhaltlich nicht um ein Pendant zur deutschen Titanic handelt. Ein kurzer Blick in eine beliebige Charlie-Ausgabe hätte genügt, um zu sehen, dass das Blatt zum Beispiel jener klassischen politischen Karikatur verpflichtet ist, die in der Titanic allenfalls als Parodie vorkommt. Wie überhaupt in der Titanic das parodistische Element vorherrscht und die klassische Satire nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt (tatsächlich könnte wohl – anders als zum Beispiel der Tagesspiegel in seiner Besprechung der deutschen Charlie-Ausgabe behauptet – keiner der Charlie-Beiträge so in der Titanic erscheinen und vice versa).

Charlie ist darüber hinaus aber auch echte Zeitung, mit Reportagen, Berichten und Rezensionen, die in aller Regel nicht witzig sind, weil sie nicht witzig sein wollen.

Wie gesagt, all das hätte man früher wissen können. Jetzt ernsthaft empört zu reagieren, als sei man hinters Licht geführt worden, ist lächerlich und heuchlerisch. Heuchlerisch wie die Frage, mit der der Cicero seine Abrechnung beschließt: «Wie konnte dieses Heft» (das wohlgemerkt auch kein Heft ist, da es nicht geheftet ist) «jemals zur Legende werden?»

Der Cicero will es nicht wissen, aber eine mögliche Antwort lautet: weil Charlie Hebdo ein linkes, politisches Periodikum ist, das seit Jahr und Tag für antirassistische, antimilitaristische, feministische, ökologische, kurz: linke Positionen steht. Und wenn in der deutschen Ausgabe in einer vierseitigen Reportage «Jan, Antifa-Aktivist, aus Dresden» zu Wort kommt und «Udo, 58, Tankwagenfahrer für Shell» mit Worten wie: «Was ich mir in Deutschland wünsche? Einen sozialeren Staat und dass die Armen nicht immer ärmer werden», dann ist das dem «Magazin für politische Kultur» nur ein abgestandenes «Gut, dass wir darüber geredet haben» wert.

Eine weitere Antwort lautet: weil Charlie Hebdo von 1970 bis 1982 sowie von 1992 bis heute Heimat für hervorragende Zeichner und Texter war – namentlich für Cavanna, Wolinski, Gébé, Coluche, Reiser, Cabu, Siné, Willem, Tardi, Charb, Sfar, Bernard Maris, Elsa Caya, Kamagurka, Luz, Philippe Honoré, Tignous, Riss, Jul, Catherine, Coco, Riad Sattouf ... Dass viele von diesen inzwischen eines natürlich oder gewaltsamen Todes gestorben sind oder sich in die Depression verabschiedet haben, ist bekannt. Dass Charlie nach dem Mordanschlag vom Januar 2015 nicht mehr ist, was es mal war – d'accord. Aber wie immer man das heutige Charlie Hebdo einschätzen mag, als Kritik getarnte Pöbeleien, wie die des Cicero, hat das Wochenblatt nicht verdient. Im Zweifelsfall gilt also immer noch: «Ich bin Karlheinz.»