Donnerstag, 25. August 2022

Fernsehabend

Mal sehen. Es ist noch ganz unausgegoren, oder nicht unausgegoren, aber ich suche noch nach Worten. Es geht um das Unwohlsein, das mich befällt, wenn vom Holocaust die Rede ist und einmal mehr die Anerkennung seiner Einzigartigkeit oder Singularität gefordert wird. Natürlich empfinde ich so lebhaft, wie das für einen Außenstehenden und Nachgeborenen nur möglich ist, wie unvergleichlich, oder, um auch hier (aus Gründen) ein Fremdwort zu wählen, inkommensurabel das Geschehene ist. Aber ich weiß doch gleichzeitig, dass nichts in der Geschichte (wie in der Natur) ohne Vorläufer, ohne Vergleichbares, ohne Seinesgleichen ist, dass nichts ohne Ursache, dass also nichts singulär ist. Schon lange habe ich das sehr ungute Gefühl, dass das (bestimmt sehr oft aufrichtige) Bedürfnis (auf Seiten der Täternachfahren) nach Buße einen verzweifelten (und verderblichen) Mystifizierungs- bzw. Dämonisierungsversuch unternimmt, der vielleicht sogar eine Art perverse Ersatzbefriedigung ist: Wenn der Tod schon ein Meister aus Deutschland ist, dann soll er aber bitteschön auch Weltmeister sein.


Gestern habe ich einen dreiteiligen Dokumentarfilm über das Gulagsystem der UdSSR gesehen. Es ist erschütternd und zum Verzweifeln. Tatsächlich weiß ich jetzt weniger denn je, wie man die eine unfassbare Bestialität nicht vergleichen sollte mit der anderen und wie man nicht die großen Gemeinsamkeiten sehen kann. Hier wie dort haben wir es mit einer Art absolutem Nullpunkt dessen zu tun, was Menschen zu ersinnen in der Lage sind und was wir unter positiven Vorzeichen „Kultur“ zu nennen gewohnt sind. Das Gulagsystem hat es wie das KZ-System und über einen unvergleichlich längeren Zeitraum (1917–1953) unternommen, mehreren Millionen Menschen der eigenen Bevölkerung die Hölle auf Erde zu bereiten, systematisch und nach rein wirtschaftlichen Kriterien. Wie soll man nicht die Gemeinsamkeiten sehen zu anderen historischen Perioden und Gesellschaften, in denen ebenfalls systematisch Menschen vernichtet wurden, nicht weil sie gefürchtete Feinde waren, sondern aus besagtem reinem Nutzendenken. Auch das entsetzliche Sündenbock-Prinzip kam in der UdSSR voll zur Anwendung: Statt „Die Juden sind unser Unglück“ hieß es, die leitenden Ingenieure haben sich mit den feindlichen westlichen Mächten verschworen, um den Fortschritt der UdSSR zu sabotieren. 


Und wie soll man dies nicht mit der Versklavung der Bevölkerung Schwarzafrikas vergleichen, ohne die der wirtschaftliche Aufstieg der Kolonialmächte undenkbar gewesen wäre? Wie die Entmenschlichung der Männer, Frauen und Kinder dunkler Hautfarbe nicht mit der der Juden oder der der angeblichen Staatsfeinde der UdSSR vergleichen – bzw. der der Frauen im Mittelalter, die jederzeit als Hexen denunziert und aufgrund einer Wahnidee (etwas zu sein, was es nicht gibt: Hexen) zum Tode verurteilt werden konnten. Die Entmenschlichung und systematische Vernichtung ist das große gemeinsame Merkmal, und auf beides versteht sich der Mensch ganz offenbar nicht erst seit den Nazis. 


Und es sollte doch klar sein, dass hier nichts gegeneinander verrechnet werden kann, dass die Tatsache, dass sich hier Muster gleichen und wiederholen, dass dies nichts relativiert. Mir ist die gegenwärtige Postkolonialismusdebatte von Herzen unangenehm, in der genau dies anscheinend versucht wird, zu sagen, dass der Holocaust zwar schlimm, aber so schlimm auch wieder nicht war, weil es ja Vorläufer gab. Andersrum: Die unerträgliche (aber nicht singuläre) Tatsache des Holocausts muss uns ebenso wie die unerträgliche Tatsache des Gulagsystems und jeder Form der systematische Erniedrigung der Menschen durch Menschen zur Solidarität mit den Opfern und ihren Nachkommen führen und zum gemeinsamen Kampf gegen jede Form von Totalitarismus und kollektivem Wahn.


https://www.arte.tv/de/videos/RC-018530/gulag/


Aus ungutem Anlass

Vorspann zu Nachfolgendem

Heute, am 21. August, wäre Stéphane Charbonnier, genannt Charb, ehemaliger Chefredakteur der französischen Satirezeitung «Charlie Hebdo», 55 Jahre alt geworden, wenn er nicht am 7. Januar 2015 von (ich wiederhole mich) instrumentalisierten Losern erschossen worden wäre. 


Den größten Fehler, den man angesichts solcher Attentate begehen kann, ist leider ein sehr naheliegender: Nur allzu leicht stellt sich das Gefühl ein, es gebe da auf der einen Seite ein aufgeklärtes «Abendland» (in dem ganz selbstverständlich gilt, dass Religion kritisiert werden darf, ja muss) und auf der anderen einen unaufgeklärten «Orient», dessen Bewohner, sobald ein Fall von Verunglimpfung des Islam im gottlosen Westen ruchbar wird, in Weißglut geraten und Rache schwören und nehmen. Ein bisschen Nachdenken muss zur notwendigen Einsicht führen, dass das aufgeklärte Abendland natürlich ebenso wenig ein monolitischer Block gestandener Menschenrechtler ist wie die arabische oder die islamische Welt ein monolitischer Block des voraufklärerischen «primitiven Denkens». Natürlich schleppt auch das sogenannten Abendland noch immer sein Mittelalter mit sich herum, in Gestalt der Orbans, Le Pens, Berlusconis, Höckes, Trumps etc., wie andererseits in der arabischen, islamischen Welt genauso kritisch und aufgeklärt gedacht und kritisiert und für Menschenrechte gekämpft wird wie anderswo auf der Welt. Was nicht zuletzt der neuerliche Fall des Attentats auf Salman Rushdie zeigt: Der Mann ist gebürtiger Muslim – also Rushdie jetzt. Nicht vergessen. Noch immer gilt, dass die meisten Opfer islamisch – ich würde nicht sagen: «motivierter» (die «Motivation» ist ganz woanders zu suchen), sondern – «legitimierter» Gewalt Muslime sind. (Den ersten Jahrestag des Machantritts der grässlichen Taliban in Afghanistan wurde nur von den Taliban gefeiert, nicht von der restlichen muslimischen Bevölkerung des Landes.)


Aber über all das wollte ich gar nicht reden, sondern nur erwähnen, dass ich aus Anlass des Jahrestages in Charbs «Gesammelten Fatwas» geblättert habe (die, wenn ich das richtig sehe, nicht auf Deutsch erschienen sind) und mir zum Vergnügen die letzte daraus übersetzt habe.
Achtung: Menschen, die Angst vorm Sterben haben, Leute, die als Kinder zu cholerischen Anfällen neigten, sowie bei der Post angestellte Personen könnten sich in ihren Gefühlen verletzt fühlen (18+).

Sonntag, 24. Juli 2022

Tod den Nervensägen, die Angst vorm Tod haben!

Von Charb


Ich habe Angst vor dem Tod, ich will nicht sterben, bibber-bibber … Ja, geht’s noch ein bisschen selbstgefälliger? Warum bitte schön solltest du nicht sterben wie alle Menschen? Was ist denn so besonders an deinem Leben, dass du dich daran klammerst wie eine Filzlaus? Du hast nur das eine Leben? Klar, das ist allgemein bekannt. Warum solltest du mehrere haben? Um den gleichen Schwachsinn zu erleben, den du schon einmal erlebt hast, und um an Ende wieder zu heulen anzufangen, dass du nicht sterben willst? Schlechter Verlierer! Beim Dosenwerfen müssen immer alle Dosen auf dem Boden landen und wenn nicht, kriegt das Kindchen einen Koller. Man muss älter werden, mein Bester, und am Ende, ja, sterben. Dass du Angst vor dem Moment hast, der dem Sterben vorausgeht, ist verständlich, da gibt es böse Agonien, mit denen ist nicht zu spaßen, aber heutzutage genügt ein kleiner Piks und du bekommst von all dem nichts mehr mit. Ich meine, du erinnerst dich doch noch an das unschöne Gefühl im Magen vor den Abiturprüfungen, oder? Nun also, der Tod sollte dir nicht mehr Angst machen als damals das Abitur. Und die  Angst beim Abi rührte daher, dass man durchfallen konnte. Beim Tod besteht in dieser Hinsicht keinerlei Gefahr, die Sterbeurkunde ist uns sicher. Ist es der Schritt ins Unbekannte, der dir Muffensausen bereitet? Nun, das Nichts ist nicht das «Unbekannte», sondern das Nichts. Das Nichts ist … wie soll ich es dir erklären? Denk an deinen Job bei der Post! Okay? Na also, das Nichts ist genau so, nur weniger nervig. Und was dein Leben angeht – vergiss nicht, dass du es gratis bekommen hast. Wenn du auf der Straße einen 100-Euro-Schein findest, hebst du ihn auf und hältst schön den Mund. Wenn du ihn in die Tasche steckst, überlegst du bereits, was du dir davon kaufst, richtig? Du weißt sehr gut, dass die 100 Euro nicht ewig halten werden, und du akzeptierst es. Dein Leben ist dieser 100-Euro-Schein. Sagen wir 500 Euro, um dir eine Freude zu machen. Und in Sachen Leben hast du dir nicht mal die Mühe machen müssen, dich zu bücken, um es aufzuheben. Fauler Hund!

Ich denke, Sie sind mit mir einer Meinung, die Nervensägen, die Angst vor dem Tod haben, verdienen es, in den Suizid getrieben zu werden, und der Film ihres Lebens, der vor ihrem inneren Auge abläuft, zeige nur Szenen, in denen sie Geschirr spülen! Amen.

(Aus dem Französischen von H. A.)

Charb (Stéphane Charbonnier, 1967–2015):  Les Fatwas de Charb (
Petit Traité d’intollerance, tome 1), Éditions Les Échappes: 2009. 

Dienstag, 23. April 2019

Das Mohammed-Bild des Westens im Wandel der Zeit

Ein Gastbeitrag von John Tolan


Im 16. Jahrhundert eine Koran-Übersetzung veröffentlichen zu wollen, war ein heikles Unterfangen, man wollte schließlich nicht gottesfürchtige Christen verstören oder gar in Versuchung führen. So jedenfalls sah es der protestantische Rat der Stadt Basel und steckte im Jahr 1542 einen örtlichen Drucker kurzerhand ins Gefängnis, der beabsichtigt hatte, das heilige Buch der Muslime in einer lateinischen Fassung zu publizieren. Es war der Reformator Martin Luther der intervenierte und das Projekt rettete – mit der Begründung, es gebe keine bessere Art die Türken zu bekämpfen, als allen Menschen die „Lügen Mahomets“ vor Augen zu führen.


Mit der dann 1543 gedruckten Ausgabe hatten die europäischen Gelehrten also Gelegenheit, den Koran zu lesen und den Islam zu studieren, um ihn besser bekämpfen zu können. Aber es gab auch andere, die den Koran lasen, um die christliche Lehre in Frage zu stellen. Der katalanische Gelehrte Michael Servetus etwa fand im Koran viele Argumente für sein trinitätskritisches Werk Christianismi Restitutio (1553), in dem er Mohammed als Reformer lobt, der eine Rückkehr gepredigt habe zur reinen Lehre von der Einheit Gottes, die christliche Theologen mit ihrer irrationalen Dreieinigkeitslehre ad absurdum geführt hatten. Nach Veröffentlichung dieser häretischen Gedanken wurde Servetus von der katholischen Inquisition im französischen Vienne verurteilt und schließlich zusammen mit seinen Büchern in Calvins Genf verbrannt.


Zur Zeit der Aufklärung wurde Mohammed immer wieder auf diese Weise dargestellt: als antiklerikaler Streiter. Einige Denker betrachteten den Islam als Monotheismus in Reinkultur, nicht unähnlich dem philosophischen Deismus: ein rationaler Lobgesang auf den Schöpfer. 1734 veröffentlichte George Sale eine neue englische Übersetzung des Koran. In seiner Einleitung zeichnete er die Geschichte des frühen Islam nach und idealisierte den Propheten zu einem bilderstürmenden, antiklerikalen Reformer, der die abergläubischen Vorstellungen und Praktiken der frühen Christen abschaffte – die Heiligenverehrung, den Reliquienkult – und die Macht eines korrupten, habgierigen Klerus brach.


Sales Übersetzung des Koran fand große Verbreitung. Für viele Leser wurde Mohammed zum Symbol eines antiklerikalen Republikanismus. Nicht nur in England. Nordamerikas Gründervater Thomas Jefferson erstand im Jahr 1765 ein Exemplar bei einem Buchhändler in Williamsburg, Virginia. Die Sale’sche Koran-Übersetzung half ihm, einen philosophischen Deismus zu formulieren, der keine konfessionellen Grenzen kannte. (Seit 2007 wird Jeffersons Koran-Exemplar bei Amtseinführungen muslimischer Abgeordneter verwendet.) In Deutschland bezog vor allem Johann Wolfgang von Goethe Anregungen aus der Sale’sche Koran-Version. Für ihn war Mohammed ein inspirierter Poet und direkter Nachfolger der alttestamentarischen Propheten.

In Frankreich zitierte Voltaire die Sale’sche Übersetzung voller Bewunderung. In seinem Essai sur les mœurs et l’esprit des nations (1756) beschreibt er Mohammed als begnadeten Reformer, der gegen den Aberglauben zu Felde zog und den korrupten Klerus entmachtete. Gegen Ende des Jahrhunderts formulierte der englische Historiker Edward Gibbon in seinem Hauptwerk, History of the Decline and Fall of the Roman Empire (1776 – 1789), eine glühende Eloge auf den Propheten:


Der Glaube Mohammeds ist frei von jedem Aberglauben und allen Mehrdeutigkeiten und der Koran ein erhabenes Zeugnis von der Einheit Gottes. Der Prophet aus Mekka verwarf jede Verherrlichung von Idolen und Menschen, von Sternen und Planeten, aufgrund der rationalen Einsicht, dass alles, was erhöht wird, auch erniedrigt werden wird, dass alles, was geboren wird, auch sterben wird, dass alles, was verfallen kann, verfallen wird. In dem Schöpfer des Universums bezeugte und verehrte er, mit der Begeisterung der Vernunft, ein unendliches und ewiges Wesen, das ohne Gestalt ist noch Raum, das ohne Eigenschaft ist noch Ähnlichkeit, das uns präsent ist in unseren verborgensten Gedanken, dessen Existenz sich allein seiner eigenen Notwendigkeit verdankt und das aus sich heraus alle geistige und moralische Vollkommenheit schöpft ... Als philosophischer Deist kann man diesen Glauben der Mohammedaner nur gutheißen, einen Glauben, der vielleicht zu erhaben ist für unser gegenwärtiges Vermögen.


Auf ganze besondere Weise von dem Propheten angesprochen fühlte sich Napoleon Bonaparte. Nach Lektüre der französischen Koran-Übersetzung durch Claude-Étienne Savary, die 1783 erschienen war, bezeichnete er sich selbst als einen «neuen Mohammed». Savary hatte seine Übersetzung in Ägypten geschrieben. Dort, umgeben vom Wohlklang der arabischen Sprache, versuchte er die Schönheit des arabischen Originals ins Französische zu übertragen. Wie Sale vor ihm schrieb Savary eine lange Einleitung, in der er Mohammed als «großen» und «einzigartigen» Mann beschreibt und als ein «Genie» auf dem Schlachtfeld, der die Menschen begeistern und mitreißen konnte. Napoleon las diese Übersetzung auf dem Schiff, das ihn 1798 nach Ägypten brachte. Beflügelt von Savarys Bild des Propheten als eines überragenden Feldherrn und weisen Gesetzgebers, unternahm Napoleon seinen Versuch, ein zweiter Mohammed zu werden. Er wollte die Kairoer ulama (Religionsgelehrten) davon überzeugen, dass er und seine französischen Soldaten als Freunde des Islam gekommen seien, um sie, die Ägypter, aus der ottomanischen Knechtschaft zu befreien.


Napoleons Bild vom Islam als dem unverfälschten Monotheismus war das Idealbild gelehrter Aufklärer. Infolge des Scheiterns seiner Ägypten-Expedition kam er zu dem Schluss, dass die Religion der Kairoer ulama vom wahren Islam abgewichen seien. Und doch war es nicht nur Napoleon selbst, der sich mit dem Propheten verglich. Goethe nannte den späteren französischen Kaiser den «Mahomet der Welt», und für Victor Hugo war er der «Mahomet d’occident». Napoleon seinerseits beschäftigte sich am Ende seines Lebens, im Exil auf St. Helena, schriftlich mit Mohammed und rühmte sein Vermächtnis als das eines «großen Mannes, der den Lauf der Geschichte verändert hat». Napoleons Mohammed – ein Eroberer und Gesetzgeber, beredt und charismatisch – ähnelt sehr Napoleon selbst. Allerdings einem Napoleon, dem am Ende mehr Erfolg beschieden war – der auf jeden Fall nicht auf eine windumtoste, öde Insel im Südatlantik ins Exil gehen musste. 


Das Bild von Mohammed als einem großen Gesetzgeber hielt sich bis ins 20. Jahrhundert. Adolph A. Weinman, ein amerikanischer Bildhauer österreichischer Abstammung, schuf 1935 einen Fries für den Saal des Obersten Gerichtshofs in Washington, D. C., auf dem Mohammed seinen Platz einnimmt unter den «achtzehn großen Gesetzgebern der Geschichte». Viele europäische Christen fordern von ihren Kirchen, dass sie Mohammeds wichtige Rolle als Prophet der Muslime anerkennen. Islamwissenschaftler wie der Katholik Louis Massignon oder der Vertreter der anglikanischen Kirche William Montgomery Watt sehen in einer solchen Anerkennung einen geeigneten Weg, um einen friedlichen, konstruktiven Dialog zwischen Christen und Muslimen zu befördern.


Der Dialog wird nach wie vor geführt, doch wird er zur Zeit übertönt vom Getöse der aktuellen Rechtsaußen-Populisten nicht nur in Europa, die Mohammed diabolisieren, um ihre islamfeindliche Politik zu rechtfertigen. Der holländische Politiker Geert Wilders nennt Mohammed einen Terroristen und pädophilen Psychopathen. Das Negativ-Image des Propheten wird paradoxerweise verstärkt von strenggläubigen Muslimen, die ihn vorbehaltlos verehren und sich jede Kontextualisierung seines Lebens und seiner Lehre verbitten, während sich gleichzeitig islamistische Terroristen berufen fühlen, Mohammed vor seinen «Beleidigern» zu schützen, indem sie ihre Mordanschläge verüben. All das ist Grund genug, einen Schritt zurückzutreten und sich die vielen, oft verblüffenden Bilder anzusehen, die der Westen von Mohammed im Laufe der Jahrhunderte gezeichnet hat. 


(Deutsch von H. A.)


J. Tolan, Mohammad: An anticlerical hero of the European Enlightment, in: Aeon, 1. April 2019. Der Autor ist Professor für Geschichte an der Universität Nantes. Der Artikel erschien im Zuge einer Ankündigung seines Buches Faces of Mohammad: Wester Perceptions of the Prophet of Islam from the Middle Ages to Today, 2019.


Montag, 11. März 2019

Horror im TV

Aus Anlass eines Fernsehabends




Am Abend «Ghost in the Shell» gekuckt. Horrible Zustände in der Zukunft: Die Menschen sind technisch «verbesserte» halbe Maschinen und  wandelnde Datenträger, die pausenlos von Überwachungsinstanzen gelesen werden. Alles vernetzt, manipuliert, gesteuert. Entsprechend düster in Szene gesetzt. Augmented reality. Nothing is real. Blade Runner reloaded.

Werbepause. Sonnenschein, Feel-Good-Feeling soweit das Auge reicht. Frohe Menschen verkünden die frohe Botschaft: Jetzt noch schnelleres Internet! Jetzt noch leichter booken, noch zeitnaher flirten, noch günstigere Schnäppchen searchen. Vom Office bequem die heimatliche Abendgestaltung gestalten, Pizza, Kino, Absacker. Alexa, was kostet die Welt? 

Horror pur. So was von perfide. Sie merken nichts. Wie das Böse lauert, das Grauen sich anschleicht, die Mächte ihnen nach dem Leben trachten. Höllisch inszeniert. Bringt der Countdown die Erlösung? Noch 3 … 2 … 1… Sekunden …

Puh. Geschafft. Scarlet Johansson wird die Sache für uns regeln.


Freitag, 26. Mai 2017

Wie gesellschaftlich Neues entsteht


Anlässlich des Jubiläums einer Gesetzesreform


Im Internet kursiert ein einminütiges Video der Tagesschau-Redaktion aus Anlass der Reform des Paragraphen 177, mit der am 15. Mai 1997 beschlossen wurde, dass sexuelle Nötigung in der Ehe fortan als Vergewaltigung geahndet werden kann. «Vergewaltigung in der Ehe ist erst seit 20 Jahren strafbar. Bis dahin war es ein langer Weg» schreibt die Tagesschau zu dem Video, in dem man unter anderem eine junge, ernsthaft besorgte Petra Kelly sieht, die sich 1983 im Plenarsaal des Bundestags an einen FDP-Abgeordneten Detlef Kleinert am Rednerpult mit der Wortmeldung wendet: «Ich möchte Sie fragen, ob Sie dafür sind, dass die Vergewaltigung in der Ehe auch in das Strafgesetz kommt?» – «Nein!» kommt es wie aus der Pistole geschossen zurück. 

Die Plötzlichkeit und Heftigkeit, mit der die Antwort ausgestoßen wird, macht deutlich, was der Abgeordnete von der bloßen Frage hält und gewiss auch von der Fragestellerin, die ja wohl nicht erwartet, dass man einen solchen Unsinn ernstnehmen werde. Von seiner impulsiven Antwort offensichtlich selbst überrascht, muss der Abgeordnete verschämt lachen. Alles andere als verschämt dagegen die Reaktion der Abgeordneten der rechten Saalhälfte: lautes Grölen und sichtliches Schenkelklopfen. Der Wortwechsel, dem sie beigewohnt haben, war eine komische Einlage, eine Art symbolische Szene einer Ehe: Vattern hat auf den Tisch gehauen, hat ein Machtwort gesprochen, Ende der Diskussion, können wir uns jetzt bitte wieder der Politik zuwenden.

Die Kommentare auf Facebook, wo mir das Video präsentiert wird, sind sich einig: «unglaublich», «absurd», «schockierend». Was man gesehen hat, ist in der Tat empörend. Und doch wäre es ein Fehler zu glauben, dass die Gesetzesänderung, für die es dann noch weitere vierzehn Jahre brauchte, allein gegen den Widerstand von frauenfeindlichen, patriarchalisch denkenden Männern erstritten wurde, die sich aus Angst vor einem Machtverlust dagegen gesträubt haben, eine Selbstverständlichkeit zu akzeptieren, nämlich die der sexuellen Selbstbestimmung der Frau. Natürlich gab es auch damals unter den männlichen Abgeordneten viele Besonnene, für die die Gleichberechtigung von Mann und Frau außer Frage stand, die dennoch der Meinung waren, dass die sexuelle Nötigung innerhalb der Ehe anders zu behandeln sei als die außereheliche, sei es, weil sie glaubten, dass die Staatsanwaltschaft im Schlafzimmer der Bürger grundsätzlich nichts zu suchen habe, sei es, dass man sich nicht vorstellen konnte, wie eine solche Vergewaltigung beweisbar sein solle. 

Es ist wichtig zu begreifen, dass der Sachverhalt gerade nicht selbstverständlich war. Sondern selbstverständlich und evident war für die meisten Menschen, dass die sexuelle Nötigung durch einen Fremden etwas kategoriell anderes sei, als der sexuelle Zwang, der innerhalb der Ehe ausgeübt wird. Das, was die Reform von 1997 geleistet hat, war daher nicht die juristische Anerkennung von etwas Evidentem, sondern vielmehr eine Umdeutung, eine Neudeutung dessen, was wir unter «Vergewaltigung» verstehen wollen.

Nur so entsteht gesellschaftlich Neues: durch Umdeutung, Neudeutung, die ein schöpferischer Akt ist, da sie Erschaffung ist von Etwas, das vorher (so) nicht war. Wenn man lediglich auf Evidenz pochen würde, müßte zu jeder Zeit das gesellschaftlich Mögliche schon vorhanden sein. Ist es aber offensichtlich nicht. Wir finden nicht einfach vor, wir erfinden. In diesem Sinne spricht etwa Cornelius Castoriadis davon, dass alles Gesellschaftliche «imaginäre Institution» sei, ein Produkt der Einbildungskraft, die, so Castoriadis, besser «Bildungskraft» hieße.



Montag, 5. Dezember 2016

Cicero vs. Charlie Hebdo (dt.)


Anlässlich des Erscheinens der ersten deutschsprachigen Ausgabe von Charlie Hebdo schwang sich das deutsche Politmagazin Cicero zum Humorkritiker auf. Das konnte nicht gut gehen.


«Langweilig», «schal», «lieblos zusammengekehrt», «moralinsäuerlich», «erschütternd banal», «schülerzeitungshaft» – das konservative Edelmagazin lässt am linken Satireblatt kein gutes Haar: «Humorgehalt und Erkenntnisgewinn gleich null». Der Tonfall, in dem das Ganze vorgetragen wird, ist erregt, um nicht zu sagen enragiert, und lässt keinen Zweifel daran, dass hier jemand empört, ja geradezu persönlich beleidigt ist.

Im Anschluss an die Ermordung von zwölf Charlie-Mitarbeitern im Januar 2015 durch fanatisierte Underdogs hatte sich der Freie Westen mit großem Pathos solidarisch erklärt; das französische Satireblatt wurde zum Symbol der Meinungsfreiheit, zum demokratischen Bollwerk gegen Fanatismus und Terrorismus; seine Mitarbeiter waren Helden, da sie sich dem Terrorismus nicht beugten, sondern widerstanden und unverdrossen weitermachten. Charlie wurden die höchsten Weihen des Pressewesens verliehen – der Preis für Meinungsfreiheit des amerikanischen PEN, der Preis des M100 Sansscouci Colloquium in Potsdam –, die Auflagenzahl schoss in ungeahnte Höhen, so dass das kleine Blatt offensichtlich bald in Geld schwamm.

Dass hier auf mehreren Ebenen ein Missverhältnis vorlag, hätte jedem ins Auge fallen können und aufstoßen müssen, oder man hätte einfach auf Chefredakteur Gérard Biard hören können, der in seiner Dankesrede in Potsdam sagte: «Innerhalb weniger Minuten, in der Folge eines furchtbaren Anschlags, wurden wir zu einem weltweiten Symbol, zum Inbegriff der Meinungs- und Gewissensfreiheit. Wir wurden zu Helden ... Lassen Sie mich Ihnen eines sagen: Das ist nicht unsere Aufgabe. Niemand bei Charlie Hebdo hat sich darum beworben, ein Held zu sein. Es ist nicht die Rolle einer Zeitung, und schon gar nicht einer Satirezeitung, ein Symbol zu sein.»

Doch die Menschen wollten nicht hören. Charlie Hebdo stand für freie Meinungsäußerung, also für den Freien Westen, also für uns alle, es ging hier nicht um die schreckliche Ermordung von zwölf Menschen durch instrumentalisierte Loser, sondern um einen «Anschlag gegen die Freiheit» (FAZ et al.)  

Jede Überhöhung zum Symbol funktioniert nur, indem man das konkrete Objekt, das dem Symbol zum Anlass dient, möglichst nicht zu genau unter die Lupe nimmt. Der zahlungskräftige Philanthrop entpuppt sich sonst leicht als geschickter Steuerhinterzieher, der mächtige Politiker als Marionette, und der Filmstar ist im wirklichen Leben immer einen Kopf kleiner als gedacht. Im Falle Charlie Hebdo äußerte sich diese Verleugnungsstrategie nicht zuletzt darin, dass reflexhaft und ohne jede Ausnahme in allen Berichten stets vom «Satiremagazin» Charlie Hebdo die Rede war. Dabei ist Charlie eindeutig keine Zeitschrift (magazine), sondern kommt als Zeitung (journal) daher, als sehr dünne sogar: Mit seinen mal gerade sechzehn Seiten Umfang erinnert sie mehr an eine Witzbeilage, an klassische «Funny Papers», die einst der seriösen Zeitung allwöchentlich am Wochenende beigelegt wurden.

Insofern ist es wirklich unverzeihlich von Charlie, dass es jetzt auf deutsch erscheint und den Träumereien vom Hochglanzfreiheitsmagazin auf so drastische Weise ein Ende bereitet. Zumindest der Cicero fiel denn also aus allen Wolken und machte den Franzosen ernsthaft den Vorwurf, dass ihr Satireblatt «auf schlechtem Papier» gedruckt sei. Lieber Cicero, sie nennen es «Zeitungspapier». Charlie Hebdo ist auf Zeitungspapier gedruckt! Und ja, es hat nur sechzehn Seiten! Nicht mehr. Nicht 130 (Cicero), nicht 66 (Titanic), nicht 48 oder 32. Sondern 16 (sechzehn). Und das hätte man auch schon vor zwei Jahren bemerken können, als die Ausgabe vom 14. Januar mit dem weinenden Mohammed sicherlich in allen bundesdeutschen Feuilleton-Redaktionen gelegen hat. Bei der Gelegenheit hätte man auch zur Kenntnis nehmen können, daß es sich bei Charlie Hebdo nicht nur formal, sondern auch inhaltlich nicht um ein Pendant zur deutschen Titanic handelt. Ein kurzer Blick in eine beliebige Charlie-Ausgabe hätte genügt, um zu sehen, dass das Blatt zum Beispiel jener klassischen politischen Karikatur verpflichtet ist, die in der Titanic allenfalls als Parodie vorkommt. Wie überhaupt in der Titanic das parodistische Element vorherrscht und die klassische Satire nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt (tatsächlich könnte wohl – anders als zum Beispiel der Tagesspiegel in seiner Besprechung der deutschen Charlie-Ausgabe behauptet – keiner der Charlie-Beiträge so in der Titanic erscheinen und vice versa).

Charlie ist darüber hinaus aber auch echte Zeitung, mit Reportagen, Berichten und Rezensionen, die in aller Regel nicht witzig sind, weil sie nicht witzig sein wollen.

Wie gesagt, all das hätte man früher wissen können. Jetzt ernsthaft empört zu reagieren, als sei man hinters Licht geführt worden, ist lächerlich und heuchlerisch. Heuchlerisch wie die Frage, mit der der Cicero seine Abrechnung beschließt: «Wie konnte dieses Heft» (das wohlgemerkt auch kein Heft ist, da es nicht geheftet ist) «jemals zur Legende werden?»

Der Cicero will es nicht wissen, aber eine mögliche Antwort lautet: weil Charlie Hebdo ein linkes, politisches Periodikum ist, das seit Jahr und Tag für antirassistische, antimilitaristische, feministische, ökologische, kurz: linke Positionen steht. Und wenn in der deutschen Ausgabe in einer vierseitigen Reportage «Jan, Antifa-Aktivist, aus Dresden» zu Wort kommt und «Udo, 58, Tankwagenfahrer für Shell» mit Worten wie: «Was ich mir in Deutschland wünsche? Einen sozialeren Staat und dass die Armen nicht immer ärmer werden», dann ist das dem «Magazin für politische Kultur» nur ein abgestandenes «Gut, dass wir darüber geredet haben» wert.

Eine weitere Antwort lautet: weil Charlie Hebdo von 1970 bis 1982 sowie von 1992 bis heute Heimat für hervorragende Zeichner und Texter war – namentlich für Cavanna, Wolinski, Gébé, Coluche, Reiser, Cabu, Siné, Willem, Tardi, Charb, Sfar, Bernard Maris, Elsa Caya, Kamagurka, Luz, Philippe Honoré, Tignous, Riss, Jul, Catherine, Coco, Riad Sattouf ... Dass viele von diesen inzwischen eines natürlich oder gewaltsamen Todes gestorben sind oder sich in die Depression verabschiedet haben, ist bekannt. Dass Charlie nach dem Mordanschlag vom Januar 2015 nicht mehr ist, was es mal war – d'accord. Aber wie immer man das heutige Charlie Hebdo einschätzen mag, als Kritik getarnte Pöbeleien, wie die des Cicero, hat das Wochenblatt nicht verdient. Im Zweifelsfall gilt also immer noch: «Ich bin Karlheinz.»